Hab keine Angst – Der Tee der Ruhe

Martin versuchte, die Schmerzen im Rücken zu ignorieren. Anscheinend hatte er sich einen Nerv eingeklemmt, als er Jana gewickelt hatte. Oder war es passiert, als er Rosa ihr Fläschchen gegeben hatte? Unauffällig ließ Martin die Schultern kreisen, zuckte vor Schmerz zusammen, starrte weiter auf den Bildschirm. Wahrscheinlich fiel ihm noch immer der bessere Part zu. Er kam wenigstens noch aus dem Haus, anstatt zwischen Windelwechseln und Stillen beziehungsweise Fläschchen zubereiten zu versumpfen. Marion tat ihm herzlich leid, deshalb versuchte er sie zu entlasten, übernahm wenigstens die halbe Nacht, damit sie ein paar Stunden ungestört schlafen konnte. Aber mittlerweile ging auch er auf dem Zahnfleisch. Wie bewältigten andere Zwillingseltern wohl diese Zeit?

Wo war er gerade gewesen? Die Zahlen verschwammen vor seinen Augen. Um ihn her dröhnte Tastaturgeklapper, Telefonklingeln, Gesprächsfetzen. Wie sehr sehnte er sich nach der Stille seines früheren Büros, das er sich nur mit einem Kollegen Peter geteilt hatte? Dennoch, er hatte Glück gehabt. Bei der Fusion war Peter entlassen worden, er wurde lediglich versetzt. Sein früherer Chef hatte in Hinblick auf Marions Schwangerschaft beide Augen zugedrückt. Es wäre wirklich ein Schock für alle gewesen, wenn er eine Woche vor er Entbindung auf der Straße gestanden hätte!

Martin schielte zu seinen neuen Kollegen und Kolleginnen hinüber. Alle schienen geschäftig mit ihren Aufgaben befasst. Natürlich hatte er jedem die Hand geschüttelt. Doch die meisten hatten es dabei eilig gehabt. Ihre Namen hatte er schon wieder vergessen. Der Mann neben ihm, hieß er Klaus oder Claas? Nur die Frau hinten an der Tür, erst hatte er den Namen nicht verstanden, sie hatte ihn freundlich wiederholt. Sie hieß Malie, was „Ruhe“ bedeutete. Und Ruhe war auch das, was sie ausstrahlte. Er hätte sich gern länger mit ihr unterhalten, doch dann hatte ihn unweigerlich die Geburtswelle eingeholt. Hebamme oder Krankenhaus, Kinderwagen oder Tragetuch, Stillen oder Fläschchen, um nichts anderes kreisten seine Gedanken. Natürlich würde er für die Kollegen einen Kuchen stiften. Natürlich würde er alle zum Umtrunk einladen. Aber später … später …

„Herr Weber, kommen Sie doch bitte in mein Büro.“

Sein Chef. Sein neuer Chef. Nicht mehr der alte Herr Riegel, mit dem man noch herzlich lachen konnte, der ein offenes Ohr hatte für die Sorgen und Nöte seiner Mitarbeiter und ihnen selbstständiges Arbeiten zutraute. Den hatten sie kurzerhand in Pension geschickt.

Nun saß ein junger Schnösel in seinem schönen Ledersessel. Umständlich rückte er ein paar Papiere zurück, machte noch eine Notiz, lehnte sich dann zurück und sah ihn über seine Goldrandbrille hinweg wichtig an.

„Herr Weber, ich weiß ja, Sie sind neu in unserer Abteilung.“

Martin nickte. Drei Monate. Das ging wahrscheinlich noch knapp als „neu“ durch.

„Mein Vorgänger, Herr Riegel, schien durchaus angetan von ihrer Arbeit zu sein.“

Erneutes Nicken. Was sollte er auch sonst tun?

„Seitdem scheinen sich ihre Lebensumstände allerdings verändert zu haben.“

Das klang zwar eher so, als sei er zum Trinker oder Drogendealer mutiert als zum Vater, aber gut, wenn man es denn so ausdrücken wollte …

„Leider hat sich das auch auf ihre Arbeitsweise ausgewirkt.“

Na, Halleluja! Darauf wollte er also hinaus.

„Es tut mir leid.“ Martin zog die Schultern hoch. „Ich fürchte, Kinder sind vom Umtausch ausgeschlossen.“

Riegel hätte jetzt gelacht und abgewinkt. Er konnte seine Mitarbeiter nehmen, wie sie waren.

Doch in dem solariumgebräunten Gesicht ihm gegenüber zuckte noch nicht einmal ein Mundwinkel.

„Sehen Sie, Herr Weber, Sie sind ja nicht der einzige Vater, der bei uns arbeitet. Trotzdem ist es doch auffällig, wie stark ihre Leistungen in der letzten Zeit nachgelassen haben. Meinem Eindruck nach fällt Ihnen die Integration in der neuen Abteilung nicht so leicht.“

Wie, verdammt nochmal, sollte er sich auch integrieren, wenn ihm ständig die Augen zufielen? Wenn er den letzten Rest seiner Energie dafür benötigte, um sein Arbeitspensum halbwegs zu bewältigen? Was erwartete dieser arrogante Schönling von ihm? Martin ballte die Faust in der Tasche. Doch er musste sich zusammenreißen. Mit einem Wutausbruch seinerseits war niemandem geholfen.

„Sehen wir den Tatsachen ins Auge, Herr Weber. Ich gebe Ihnen noch vier Wochen, um Ihre Schwierigkeiten in den Griff zu bekommen. Sollte Ihnen das nicht gelingen, sehe ich mich gezwungen, weiterreichende Schritte zu unternehmen.“

Das war es jetzt. Martin konnte einpacken. In den nächsten vier Wochen würde es wohl kaum besser werden. Er würde entlassen werden. Es würde dauern, bis er wieder einen Job fand. Wie sollte es in der Zwischenzeit weitergehen?

Mit hängenden Schultern schlurfte Martin aus dem Büro.

„Wissen Sie, heutzutage zählen nur Zahlen und Fakten. Die Firma kann es sich nicht leisten, auf das Privatvergnügen ihrer Mitarbeiter Rücksicht zu nehmen“, hörte er noch.

Früher hätte eine solche Bemerkung ihn in die Luft gehen lassen. Doch jetzt spürte er nur, wie die Last ihn niederdrückte, die auf seinen Schultern lag.

Der Boden unter ihm schwankte, Martin musste sich an Stuhllehnen und Schreibtischplatten abstützen, um zu seinem Platz zurückzukommen. Am liebsten wäre er einfach gegangen, hätte sich irgendwo verkrochen, geschlafen, umhüllt von schönen Träumen. Aber das war unmöglich. Er musste durchhalten.

Unverhofft stieg ihm ein frischer – würziger Geruch in die Nase. Hatte er sich im Platz geirrt? Nein, da lag seine Arbeit. Daneben allerdings stand ein dampfendes Tee-Glas, gefüllt mit einer leicht rötlichen Flüssigkeit. Für einen Moment war Martin wieder Kind, mit Bauchschmerzen im Bett, und seine Mutter hatte ihm ein Tee gebracht.

Als Martin die Augen öffnete, entdeckte er einen Zettel:

„Es wird besser. Hab keine Angst!

Martin musste schmunzeln. Ja, es stimmt schon. Wenn er daran dachte, wie Jana ihm mit ihren blauen Augen mitten ins Herz geschaut hatte. Und wie sich Rosas Händchen um seinen Zeigefinger schlossen … Ja, er liebte seine Mädels und ihre Mutter, trotz der dunklen Ringe unter ihren Augen, der schluffigen Kleidung und den fettigen Haaren. Wann hatte er ihr eigentlich das letzte Mal gesagt, wie schön sie war? Sie würden es schaffen, alle gemeinsam.

Martins Blick wanderte im Raum umher. Es dauerte eine Weile, dann schaute er zu Malie. In ihren Augen stand eindeutig ein Zwinkern. Hatte sie vielleicht …? Nun lächelte sie ihm ganz offen zu, neigte sich nach vorne und hob einen Bilderrahmen hoch. Martin entdeckte darin ein Foto, drei Mädchen, vielleicht im Alter von ungefähr sechs Jahren, alle mit den gleichen blonden Locken, den gleichen Sommersprossen auf der Nase und einem Grinsen, das die gleiche Zahnlücke entblößte. Eindeutig Drillinge.

Geschrieben von unserer lieben Autorin Florentine Hein

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