Irgendwo im Leben

Gastbeitrag von Florentine Hein ( Autorin )

Marianna saß auf ihrem Stuhl vor dem Fenster. Jeden Morgen schob sie die Pflegerin dorthin. Es war Mariannes Tor zur Welt. Das einzige, das noch offenstand.

Wie lange war sie nun schon hier? Anfangs hatte sie mit ihrer Nagelfeile Striche in den Bettpfosten geritzt. In Gefängnissen machten das die Leute doch auch so, oder? Aber ihre Tochter hatte es entdeckt und ihr die Nagelfeile weggenommen. „Mama, du bist unmöglich!“

Aber es ging nicht darum. Es ging nicht um das Heim. Die Pflegerinnen hatten wenig Zeit, aber sie waren freundlich und aufmerksam. Sie bekam drei Mahlzeiten pro Tag, putzen, waschen, bügeln, alles wurde für sie erledigt. Das Gefängnis war nicht das Heim. Das Gefängnis war ihr Körper. Mehr und mehr versagte er ihr den Dienst. Erst war es das Augenlicht. Die Welt wurde grauer, schemenhafter, dunkler. Dazu die Schmerzen in den Gelenken. Jeder Schritt kostete Kraft. Kraft, die sie nicht mehr hatte.

Sie war einverstanden damit, ins Altenheim zu gehen. Wollte keinem zur Last fallen. Fügte sich ein, nahm an Vorträgen und Gemeinschaftstreffen teil. Doch mit Corona wurde alles eingestellt. Seitdem floss ein Tag in den anderen. Gleichförmig, in Endlosschleife. Nur die Luft hier am Fenster änderte sich. Mal kalt und klamm, mal trocken und warm. Wenn sie auch ein wenig nach Abgasen stank.

„So, Frau Küber, hier habe ich Ihnen einen Tee gebracht. Sie wissen doch noch, gestern, die nette junge Frau, die Ihnen eine Postkarte geschenkt hat? Da waren auch zwei Teebeutel dabei. Schnuppern Sie doch mal.“

Es klirrte, als die Pflegerin die Tasse auf das kleine Tischchen neben ihr stellte. Es roch heiß und feucht. Aber doch – ein Aroma war darin, süßlich und sanft. Ja, sie hatte sich gefreut über diesen unverhofften Besuch. Die junge Frau verteilte Postkarten an einige Bewohner. Auf ihrer stand: Behalte dein Leben lieb! Ein Zitat von irgendwem. Welches Leben war wohl gemeint? Das jetzige? Da war nicht mehr viel übrig zum Liebhaben.

Die Vergangenheit?

Unverhofft sah sich Marianne als junges Mädchen über eine Blumenwiese rennen. Verfolgt von einem Jungen mit lockigem schwarzen Haar.

„Bleib stehen!“, rief er. Aber sie rannte und lachte und rannte, bis er sie einholte, sie um die Hüften packte und sich mit ihr fallen ließ, mitten hinein ins Blütenmeer. Da lagen sie nun nebeneinander. Ihr Atem raste, ihr Herz pochte. Er neigte sich zu ihr und küsste sie. Wie die Berührung eines Schmetterlings. So leicht, mit so großer Wirkung, denn die Liebe stahl sich in ihr Herz.

Ein gemeinsamer Sommer, dann verloren sie sich, irgendwo im Leben. Marianne nahm einen Schluck Tee und schmeckte Sonne und Licht.

Ob er noch lebte? Vielleicht ebenfalls am Fenster eines Altenheims saß?

Marianne richtete sich auf. Ihre Tochter konnte seinen Namen im Internet suchen. Und dann würde sie die junge Frau bitten, ihm ebenfalls eine Postkarte zu bringen.

Ein wunderschöner Gastbeitrag von der Autorin Florentine Hein zu unserer Herzensaktion Coroa Post von JaNi. Wenn Du mehr von Ihr lesen möchtest gehe auf https://www.florentinehein.de

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