Das Geheimnis von Hogalembene

Ein Beitrag von unserer Gastbloggerin & Autorin Florentine Hein

Hogalembene

Es war wieder so ein Tag. So ein Tag, an dem sie morgens aufstand und tief in sich die Kälte spürte. Die Kälte in dieser Wohnung, in die sie vor einem halben Jahr gezogen war. Ihr Geld hatte nur für die billigsten Möbel gereicht. Zu wenig, um sich Zuhause zu fühlen. Zu wenig, um die Einsamkeit zu verscheuchen.

Mira nieste. Eine Erkältung war im Anzug. Das auch noch! Und das Gespräch mit dem Chef. Bestimmt würde er ihr wieder nur sagen, dass er von ihrer Arbeit nicht überzeugt war. Dass er sie bei der nächsten Beförderung leider nicht berücksichtigen könnte. Was war ihr Leben? Erstarrt zu einem Eisklotz.

Mira biss in eine Brotscheibe, würgte im Stehen einen Schluck Kaffee hinunter. Sie war zu früh, musste erst in einer Stunde bei der Arbeit sein. Und doch hielt sie es nicht mehr aus, nahm ihre Jacke vom Haken, zog die braune Tür hinter sich zu.

Draußen schlug ihr noch mehr Kälte entgegen. Kälte außen und innen. Mira trat aus dem Haus, ging Schritt für Schritt hinein ins Wintergrau, durch die Straßen, in denen die Wohnblocks das Licht verschluckten. Abgase und Autolärm, die traurige Musik der Stadt. Sie würde heute Akten sortieren, ein paar Aufträge abarbeiten. Das Gespräch hinter sich bringen. Suppe aus der Dose aufwärmen. Den Tag abhaken. Genauso, wie sie es an den letzten Tagen gemacht hatte. Genauso, wie sie es an den nächsten machen würde.

Menschen hasteten an ihr vorbei, gesichtslos, gefangen in ihren eigenen grauen Filmen. Mira nieste wieder. Die Kälte nahm zu. Sie fühlte, wie alles immer mehr erstarrte. Ihre Finger froren ein, ihre Füße wollten sie nicht mehr tragen.

Da, an der Ecke, da saß eine Frau auf dem Boden. Sie hatte ein Tuch um sich ausgebreitet, das in allen Farben leuchtete. Taschen und Tüten waren um sie verteilt. Sie schien keine Bettlerin zu sein, eher kam sie vom Markt und brauchte einfach eine Pause. Ein Licht schien von ihr auszugehen. Ein Licht, das Mira wie magisch anzog. War sie eine Afrikanerin? Sie trug ein gelbes Gewand und eine Art Kopfschmuck sowie unzählige Muschelketten. Ein sanftes Lächeln lag auf ihrem dunklen Gesicht, als sie Mira mit wachem Blick entgegensah.

Zögernd blieb Mira vor ihr stehen. Die Frau klopfte einladend neben sich auf das Tuch. Warum nicht? Sie hatte noch genug Zeit. Sie konnte sich hierhin setzen und sich auch ein wenig ausruhen. Eine Pause machen in der Sinnlosigkeit. Mira glitt zu Boden, überkreuzte die Beine. Hier unten schien es wärmer zu sein. Stieg die Wärme nicht nach oben? Fiel sie herab? Oder ging sie aus von diesem Tuch, auf dem sie saß?

Die Frau murmelte etwas, griff in eine ihrer Taschen und zog eine Thermoskanne hervor. Sie schraubte den Deckel ab und goss eine dampfende Flüssigkeit hinein.

„Hogalembene“, sagte sie mit tiefer, kehliger Stimme und reichte Mira den Kannendeckel. Mira schloss ihre klammen Finger darum und schaute auf den Tee. Ein zitronig-fruchtiger Geruch stieg zu ihr auf. Sie schloss die Augen und nahm einen kleinen Schluck.

Wärme strömte durch ihren Körper. Sie schloss die Augen.

Bilder stiegen in ihr auf. Sie sah blauen Himmel und Palmen, hörte in der Ferne das Rauschen des Meeres. Heiß war es hier, die Luft feucht und schwer. Affen tobten in den Bäumen umher, warfen mit Kokosnüssen. Sie schienen voller Lebensfreude zu sein. Ein kleines Äffchen seilte sich an einer Liane ab und kam vertrauensvoll näher. Mira fühlte Mut und Zuversicht in sich aufsteigen. Sie streckte dem kleinen Äffchen die Hand hin. Leise keckernd kam es auf sie zu und legte den Kopf schief. Dann hüpfte es auf ihre Beine und verschwand in ihrer Jackentasche.

Hogalembene.“

Die Stimme holte sie zurück in die Wirklichkeit. Die Frau neben ihr musterte sie, dann nickte sie zufrieden. Mira trank den Becher leer und reichte ihn ihr. Als sie aufstand, war die Kälte verschwunden. Von der aufkommenden Erkältung war nichts mehr zu spüren. Sie fühlte sich angenehm gewärmt, voller Ruhe und Zuversicht. Sie würde diesmal befördert werden. Mehr Geld verdienen. Sich neue Möbel kaufen. Ihr Leben annehmen, mit seinen Höhen und Tiefen.

Mira bedankte sich bei der Frau mit einem Lächeln. Dann setzte sie ihren Weg fort. Die Wärme hüllte sie ein. Und das Äffchen in ihrer Tasche keckerte leise.

Florentine Hein ist eine Autorin aus Worms und verzaubert schon lange Kinder mit Ihren Büchern. Vor kurzem hat Sie Ihren ersten Roman für Erwachsene veröffentlicht. Wir sind schon lange Fan von Ihr und stolz das Sie uns als Gastbloggerin beehrt hat. Wenn Ihr mehr von Florentine Hein lesen wollt, dann geht unbedingt auf Ihre Seite

https://www.florentinehein.de/f%C3%BCr-erwachsene/b%C3%BCcher/

3 Gedanken zu „Das Geheimnis von Hogalembene

  • 31. Mai 2020 um 14:19
    Permalink

    Die Geschichte ist wunderschön….sie passt echt super zu dem Hogalembene Tee,Wahnsinn was ein Name alles so Entstehen lässt….ich bin überwältigt.

    Antwort
    • 31. Mai 2020 um 15:11
      Permalink

      Sehr schön, wie die Autorin die Stimmung rüber bringt. Ich hab bei beiden „Hogalembene“ Erwähnungen Gänsehaut bekommen,als ob mich jemand berührt hätte..
      Und der keckernde Affe hat in der Tasche hat mich zum Lächeln gebracht.
      Alles wird gut. Irgendwann….

      Antwort
    • 31. Mai 2020 um 16:18
      Permalink

      Der Name ist zauberhaft! Er hat mich nicht losgelassen. Da kam diese Geschichte einfach angeflogen …

      Antwort

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.